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Ansichten | 26. April 2016

Logos from hell

Die aberwitzigen Logos von Metal-Bands oder Marketing in der Subkultur

Donnerstagabend vor dem Dynamo in Zürich: vorwiegend langhaarige Gestalten stehen in der Schlange zum Eingang, um die polnische Death-Metal-Band Decapitated zu sehen. Auf der Kleidung vieler Fans fallen Symbole auf, die sich erst auf den zweiten oder gar dritten Blick als Schriftzüge entpuppen. Beim Entziffern derselben wird der ahnungslose Betrachter jedoch in den meisten Fällen scheitern, denn die Logos von vielen Metal-Bands verletzen die elementaren Prinzipien eines guten Logos: sie sind weder klar noch verständlich und wirken tendenziell abschreckend auf Uneingeweihte. Die ungeschriebene Regel scheint zu sein: je unlesbarer, desto besser. Und trotzdem werden sie von der Zielgruppe instinktiv richtig zugeordnet und erfüllen damit doch ein wichtiges Kriterium.

Auch in der Subkultur müssen Logos die Werte der Corporate Identity transportieren und beim Betrachter die richtigen Assoziationen wecken. Metal-Logos haben dabei einen besonders hohen Identifikationswert, da sie sich durch eine sehr charakteristische Typografie auszeichnen. Beispiel Cradle of Filth: selbst wenn Sie noch nie von der britischen Band gehört haben, werden Sie spätestens beim Anblick des Band-Logos ahnen, dass es sich hier nicht um eine heitere Tanz-Kapelle handelt. Die schwer lesbaren Buchstaben erinnern an Dolchspitzen, und aus dem gesamten Schriftzug scheinen Tod und Verdammnis zu triefen. Während Logos aus der Anfangszeit des Metals noch mit relativ eingängiger Typografie aufwarteten, wurden sie mit der Entstehung von zahlreichen Subgenres wie Black Metal (okkulte Thematiken in vorwiegend schwarzweisser Umsetzung) oder Death Metal (morbider Horror mit triefenden, oft bunten Designs) zunehmend gewagter.

Typische Designmerkmale vieler Schriftzüge: verzerrrte Buchstaben mit exzessiven Verschnörkelungen und latent aggressivem Duktus, womit auf bestechende Art und Weise auf die zugrundeliegende Musik referiert wird. Metal ist sperrig und komplex, oft brutal und sehr physisch in mehrerer Hinsicht. Knüppelharte Riffs und Bassdrum-Gewitter, die einem die Eingeweide verrutschen lassen, sind nur zwei charakteristische Merkmale. Daraus zu schliessen, dass das Genre nur ein paar dubiose Individuen anzieht und ein Nischendasein fristet, wäre jedoch völlig falsch. Davon zeugt das eindrückliche Kompendium «Logos from hell», in welchem der amerikanische Illustrator Mark Riddick auf 600 Seiten die Logos von extremen Metal-Bands zusammengetragen hat. Das Werk vereint die Arbeiten der bedeutendsten Künstler der Branche und lässt nur erahnen, wie gross die weltweite Metal-Szene ist.

Die schiere Unlesbarkeit vieler Logos ist dabei ein ewiger Running Gag und inspirierte einen App-Entwickler zum Quiz «Guess the Band Metal Logo: hier können die Logos von 270 Metal-Bands in sechs verschiedenen Schwierigkeitsgraden erraten werden, und der Anbieter verspricht wöchentliche Updates, «adding brand new unreadable and obscure black, death and doom metal bands». Der ideale Zeitvertreib für den geneigten Fan.

Brachiale Metal-Logos verletzen also die gängigen Design-Kriterien aufs gröbste, scheinen bizarrerweise aber genau aus diesem Grund zu funktionieren. Die grotesken Designs versinnbildlichen den Aussenseiterstatus ihrer Anhängerschaft und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und somit letzendlich die Marke. Wenn Sie also mit dem Gedanken spielen, eine Death Metal-Band zu gründen, verzichten Sie beim Logo auf Pastellfarben und achten Sie auf eine ansprechende Mischung aus Horror und Unlesbarkeit. Und wenn Sie nicht mehr weiter wissen: Das Zürcher Jugendkulturhaus Dynamo bietet einen Kurs für Metal-Logo-Design an.

Hier geht es zur Anmeldung für den Kurs.


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